Hier wird noch Eschweger Klosterbräu ausgeschenkt – ein Stück Regionalität im Glas. Foto: Kristin Siemon

Im ,,Zum Theo‘‘, der kleinen Kneipe von Regina Westhause, trifft sich Wanfried. Doch in der Kleinstadt in Nordhessen werden die Kneipen weniger.

Die Tür fällt ins Schloss. Ein kurzer kalter Luftzug zieht noch durch den Raum. Drinnen ist es warm. Das gedämpfte Licht schafft eine gemütliche Atmosphäre. Aus dem Radio erklingt ein Phil-Collins-Song, die Wirtin dreht die Lautstärke ein Stück hoch. Die besten Hits aus den Achtzigern mischen sich mit dem Stimmengewirr der bekannten Gesichter. Sie gehören hier genauso dazu wie die Spielautomaten und die Sprüche an den Wänden. ,,Kein WLAN. Hier trinken und plaudern wir‘‘, steht auf einem Schild. Die Wände sind voll davon. Sprüche über Bier, Arbeit und Landwirtschaft.

Im ,,Zum Theo‘‘ beginnt der Abend unspektakulär und genau deshalb vertraut. Hinter der Theke zapft die Wirtin Regina Westhause routiniert ein Pils. Es ist das Getränk, das hier am häufigsten über den Tresen geht. Danach Weizen. Manchmal auch ein Kümmelrum. Niemand muss erklären, was er trinken will. Regina, die hier liebevoll ,,Retschie‘‘ genannt wird, weiß, was ihre Kund*innen haben wollen. Man kennt sich.

Ein frisch gezapftes Pils gehört hier zum festen Abendritual – meist bleibt es nicht bei einem Glas. Foto: Kristin Siemon

Ein Raum, der Geschichte(n) sammelt

,,Ich führe die Kneipe seit 2011“, sagt Regina Westhause. Zuvor sei sie von jemand anderem betrieben worden, seit den frühen Zweitausendern. Davor wurden die Räume als Eisdiele oder Imbiss genutzt. „Früher gab es hier sogar eine Salontür“, erinnert sie sich. Vieles hat sich verändert. Nicht nur die Einrichtung.

Wenn Regina Westhause an das Kneipenleben in Wanfried vor einigen Jahren denkt, spricht sie von Einschnitten. Von Gesetzen, die den Kneipenalltag verändert haben. „Früher wurde an dem einen Tisch gegessen und am anderen geraucht“, sagt sie. Das störte damals niemanden – heute könne man das nicht mehr machen. Vor allem aber verschwinden Menschen. „Die Stammgäste sterben weg“, sagt Westhause nüchtern. Früher seien jeden Tag dieselben zwölf bis fünfzehn Leute gekommen. Und weil es viel mehr Kneipen im Ort gab, hatte jede Wirtschaft ihre eigene Stammkundschaft. Heute ist das anders.

,,Ich lebe von den Menschen, die hier leben. Von den Ortsansässigen.‘‘

Regina Westhause

Die größte Herausforderung sei, dass es kaum Laufkundschaft gebe, sagt die Wirtin. Tourismus spiele kaum eine Rolle. Im Sommer kämen manchmal Fahrradgruppen oder Männer­runden vorbei. „Das ist schön. Da lernt man auch mal neue Leute kennen“, erzählt Retschie. Ansonsten sei das „Zum Theo“ im Sommer vor allem eine Absacker-Kneipe. Menschen kommen von anderen Veranstaltungen nach Hause und setzen sich noch auf ein Getränk zusammen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Die Zeit läuft hier langsamer

Charlotte Wandt ist eine der jüngsten Stammkundinnen. Für sie ist die Kneipe mehr als ein Ort des Trinkens. „Die Kneipe bedeutet mir ganz viel“, erzählt sie. „Zusammensein, Geselligkeit, Gemütlichkeit. Und man hat das Gefühl, dass hier die Zeit irgendwie stehengeblieben ist.“

Man spreche nicht nur über Aktuelles aus dem Kleinstadtgeschehen, sagt sie, sondern schwelge in Erinnerungen: „Es werden sich immer wieder schöne Geschichten erzählt.‘‘ Ein Moment ist ihr besonders im Kopf geblieben. Kurz vor dem ersten Corona-Lockdown sitzt sie mit ihrer besten Freundin bei Retschie. Es ist klar, dass die Kneipe vorerst schließen muss. „Wir haben mit der Wirtin Karten gespielt, Rotwein getrunken und viel gelacht“, erinnert sie sich. Beim Abschied lagen sie sich in den Armen. Niemand wusste, wie lange diese pandemiebedingte Pause anhalten würde.

Zwischen Theke und Automaten

Der Spielautomat blinkt vor sich hin. Münzen fallen. Zwei Gäste diskutieren über das letzte Spiel des FC Bayern München. Andere schweigen und lauschen neugierig den Gesprächen der anderen. Auch das gehört wie selbstverständlich dazu.

„Früher hatte ich freitags schon mittags offen“, sagt Regina Westhause. Um vierzehn Uhr kamen die ersten nach der Arbeit. Danach die nächste Runde. Abends saßen viele wieder hier. Heute spielt sich fast alles abends ab. Neuigkeiten werden übers Handy geteilt. Früher musste man dafür rausgehen.

Manche Gäste kommen täglich, um den Spielautomaten zu füttern. Foto: Kristin Siemon

Charlotte findet es schade, dass kaum junge Menschen kommen. „Die Jüngeren wissen die wenigen Kneipen nicht zu schätzen“, sagt sie. Stattdessen träfen sie sich auf Parkplätzen oder im Jugendraum.

Dass solche Orte erhalten bleiben, liege am Weitererzählen. Am Buschfunk. „Wir haben unsere Freunde von Außerhalb einfach immer mitgebracht“, sagt sie. Dart gespielt, geredet, getrunken. „Man muss diese Orte wertschätzen.“

Kein Einzelfall

Später wird es ruhiger. Gläser werden gespült. Das Radio trällert die besten Songs der Achtziger. Draußen liegt Wanfried im Dunkeln.

Dass Orte wie das „Zum Theo“ verschwinden, ist kein Einzelfall. In Hessen hat sich die Versorgung mit Gaststätten im ländlichen Raum verschlechtert: Zwischen 2017 und 2021 stieg die Zahl der Gemeinden mit weniger als einem Betrieb pro 1 000 Einwohner von 19 auf 42, darunter mehrere Gemeinden ganz ohne Gastronomie. Gleichzeitig sanken die realen Umsätze im hessischen Gastgewerbe im ersten Halbjahr 2025 um über drei Prozent, ein Zeichen dafür, dass Gäste seltener auswärts essen oder trinken gehen. Wo früher mehrere Wirtschaften nebeneinander existierten, bleiben heute oft nur noch wenige Treffpunkte übrig. Gründe sind vor allem steigende Kosten, strengere Auflagen und eine Gesellschaft, die sich immer häufiger ins Private zurückzieht.

Am Ende ist es eine einfache Rechnung: Wenn zu wenige Gäste kommen, lohnt sich eine Kneipe nicht. Auch nicht in Wanfried. Und trotzdem klingt es an Abenden wie diesem noch ganz selbstverständlich, wenn jemand sagt: „Komm, wir gehen noch kurz zu Retschie.“

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