Rockmar, zusammengesetzt aus Luisa, Lena und Alex; Fotos: Alexandra Layer

Berlin, 08.02.2026. In der Schlange vor dem Columbia Theater in Tempelhof weht einem der Wind eisig um die Ohren. Die Nasenspitzen zahlreicher Fans sind rot angelaufen, regelmäßig schnieft jemand. Es ist die fünfte Show der Europa-Tour der englischen Rockband Blossoms. Zwischen Winterjacken und Band-Merch sieht man ein paar rote Caps durch die Menge gestreut. Wie auf dem Silbertablett serviert, wenn sich der Kopf wegen der Kälte nach unten neigt – darauf ein Wort, das hier eigentlich nicht hingehört: Rockmar.

Ich frage mich noch, ob das ein vorbereiteter Stunt sei, da stehen sie schon vor mir: Alex, Lena und Luisa, online bekannt als „Rockmar“. Über ihre Social-Media-Seiten hinweg weisen die drei Berlinerinnen zusammen ungefähr 30.000 Follower und 6,7 Mio. Likes vor. Ihre Online-Identität und Freundschaft sind geprägt von der Konzertszene, in der sie sich bewegen. Hier, hinten in der Schlange, stehen sie wie jeder andere Fan auch. Nicht geschniegelt, nicht „bereit für die Öffentlichkeit“, sondern genau so, wie man eben in einer Berliner Konzertschlange steht: leicht durchgefroren mit den Händen so tief wie möglich in den Jackentaschen.

Dass die drei heute als Trio antreten, ist eigentlich Zufall. Alex und Luisa kennen sich seit der fünften Klasse, „wir waren schon immer close“, sagt Alex. Mal enger, mal weniger eng. Wie das eben ist, wenn man zusammen durch die Schulzeit driftet. Konzerte gehörten schon früh dazu.

Lena kam erst später ins Bild. 2022, Harry Styles, Mercedes‑Benz‑Arena. „Wir haben am Tag der Show unsere Tickets nochmal neu gekauft“, erzählt Alex lachend. „Dadurch saßen wir plötzlich neben Lena.“ Man tauschte Instagram aus, wurde Mutuals. Mehr war es am Anfang aber nicht.

Erst anderthalb Jahre später, bei Inhaler in Berlin, kreuzten sich die Wege erneut. Alex wollte spontan noch eine Show in London mitnehmen, fand aber niemanden, der mitfahren wollte. „Also hab ich einfach Lena gefragt.“ Drei Tage verbrachten die beiden zusammen in London. Ohne Hotel für die letzte Nacht. Keine Wahl als bis zum 6‑Uhr‑Flug durchzumachen. „Wenn man jemanden vorher kaum kennt und dann 24/7 zusammen ist, merkt man schnell, ob’s klickt.“ Für die beiden hat’s geklickt.

Zurück in Berlin stellte Alex die beiden anderen einander richtig vor. Ein Trip nach Hannover mit zwei weiteren Freundinnen und plötzlich waren sie ein Trio. „Danach waren wir halt Rockmar.“

Der Name entstand auf der Autofahrt. „Wir haben über Wikinger-Namen gesprochen. Und irgendjemand hat den Namen „Ockmar“ gesagt.“ Ockmar wurde zu Rockmar, weil es besser klang. „Wir haben gesagt, wir sind eine Band, weil Trio zu langweilig klingt, und eine Band braucht einen Namen“, sagt Luisa.

Musik machen die drei aber nicht. Dafür beschreiben sie sich trotzdem als „höchstwahrscheinlich die Lieblingsband eurer Lieblingsband“. Und beweisen können sie es auch: Bei einer Show in Dublin steht der Drummer von Blossoms plötzlich im „Rockmar“‑Shirt auf der Bühne. Ohne Absprache. Ohne Hinweis. „Wir wussten das nicht. Das war so: Alter, what the fuck.“ Den Merch versuchen sie Bands eigentlich andauernd anzudrehen. „Marketingstrategie“ nennen sie es. Dass ihre Lieblingsband ihn dann wirklich auf der Bühne tragen würde, haben sie nicht kommen sehen.

Ab dann wollten mehr Leute den Merch kaufen, kommentierten unter Videos #rockmar, sprachen die drei auf Konzerten an. „Das ist so crazy“, sagt Luisa. „Dass jemand uns erkennt und wir keine Ahnung haben, wer das ist.“

Neben den Geschichten, die das Trio mir erzählt, bewegt sich die Schlange langsam aber sicher nach vorne. Menschen rücken ein Stück, bleiben wieder stehen, rücken erneut. Die drei wirken darin völlig routiniert, reden einfach weiter.

Konzerte sind für alle von ihnen wie soziales Ritual. „Einfach loslassen und die Musik fühlen“, so beschreibt es Alex. Wenn sie gemeinsam im Pit stehen, passiert etwas, das man bei vielen Fangroups nicht sieht: „Wir himmeln nicht die Band an, sondern uns gegenseitig.“ Einer steht manchmal mit dem Rücken zur Bühne, weil es gerade wichtiger ist, die anderen anzusingen. „Die Musik verbindet uns, aber wir teilen die Emotionen miteinander.“

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Menschen sie erkennen, ihren Merch tragen, Fotos wollen. Rockmar zeigt, wie Freundschaft aussehen kann, wenn man sie ernst nimmt: laut, liebevoll, ein bisschen chaotisch und immer bereit für die nächste Show. Ein kleines Gegenmodell zu all den perfekten, glattgebügelten Online-Communities, das gerade deshalb so anziehend wirkt.

Ohne dass ich es merke, erreichen wir den Eingang. Das Sicherheitspersonal steht still und mustert alle Anwesenden kritisch. Mein besorgter Blick wird vom Berliner Trio nur mit Schmunzeln beantwortet. Sie kennen das Sicherheitspersonal. Als er die Mädchen sieht, glättet sich seine Stirn ein wenig. Er gibt uns einen Moment Zeit, unser Gespräch zu beenden. Ich bedanke mich bei den Dreien und schaue dabei zu, wie sie ihre Tickets vorzeigen. Auf dem Weg in die Venue fallen sie direkt in gewohntes Geplauder, als wäre ich nie dabei gewesen. Keinen Moment später verliere ich sie in der Menge. Auf meinem Weg von der Halle gehe ich an den restlichen Fans vorbei, die sichtlich kaum auf die Show warten können. Am Ende der Schlange steht ein Mädchen mit „Rockmar“-Cap. Auf die Frage, ob sie ein Fan sei, teilt sie mir mit, dass sie Rockmar so oft bei Shows sieht und ihnen nur deshalb auf Instagram gefolgt ist. „Die sind lustig, und das hat irgendwie was“, lacht sie, „weil sie halt irgendwie so ganz normal sind.“ Sie entschuldigt sich, sie müsse schnell los, ihre Freunde warten schon vorne.

Während ich mich vom Columbia Theater entferne, denke ich daran, wie beiläufig die drei ihre Freundschaft leben. Vielleicht ist das der Grund, warum Menschen ihnen folgen: weil sie zeigen, dass Gemeinschaft manchmal einfach dort entsteht, wo jemand neben dir steht und dieselbe Musik liebt.

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